Chemische Gewalt in der Pflege

Bis heute ist der Ruf nach dem Arzt beziehungsweise der Griff nach dem Medikament  oft die erste und einzige Reaktion, zur Beruhigung von Patienten/Bewohnern in kritischen Situationen.  Es handelt sich dabei um eine Art Gewohnheitsrecht, eine Standardbehandlung, die den meisten Fachleuten so selbstverständlich ist, dass sie jeden der das zu kritisieren wagt, verständnislos anschauen.  Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben Geriater, Psychiater, Neurologen, Allgemeinmediziner und Pflegefachleute  nichts anderes erlebt und gelernt, als Demenzsymptome  und andere Auffälligkeiten mittels Psychopharmaka in den Griff zu bekommen.  Diese Standardmedizin ist außerdem die einzige, die von den Kassen bezahlt werden muss,  einschließlich sämtlicher Nebenwirkungen.   

Zwar werden die Stimmen lauter, die diese Praxis kritisieren, bisher jedoch ohne Konsequenzen für Ärzte, Einrichtungen und Pflegekräfte. Es ist schon erstaunlich, dass die in den Berichten dokumentierte Missachtung rechtlicher Bestimmungen, die oft sogar tödlich endet, geduldet wird.  Und dies in einem Land, in dem es eigentlich nicht mehr vorkommen dürfte, dass massenhaft Menschen in einen wehrlosen Zustand versetzt, ihrer Würde und ihres Lebens beraubt werden.

Robert Withaker  schreibt in Amerika gegen die fortdauerende  Misshandlung mit Psychopharmaka an.

Sehen/lesen Sie die folgenden Berichte und Fernsehbeiträge:

NDR  Panorama :   Demenzkranke absichtlich ruhig gestellt
Zwei  Beispiele, die für Hunterttausende stehen.  So sieht die Pflegerealität in den allermeisten  Heimen  aus.  Mehr noch, die personelle Unterbesetzung  wird geradezu als eine Rechtfertigung verstanden, jeden als anstrengend empfundenen Pflegebedürftigen, medikamentös anzupassen.  Ein Teufelskreis, aus dem die menschlich besten Pflegekräfte aussteigen, weil sie diese Praxis mit dem eigenen Gewissen nicht verantworten können. Zurück bleiben solche, die nichts anderes gelernt haben und sich nichts besseres vorstellen können.

ARD:    Rechtlos und ausgeliefert? Schicksal Demenz 
In diesem Beitrag greift die Medizinjournalistin die Praxis der medikamentösen Ruhigstellung alter Menschen auf und geht der Frage nach, warum Ärzte und Pflegekräfte  diese Mittel  einsetzen, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt.  Angehörige und Betreuer werden oft nicht einmal gefragt oder informiert.  Dieser  Beitrag ist mit Beteiligung und Unterstützung von Mitgliedern der Pflegeethik Initiative zustande gekommen.

ZEIT – Online: Wider Willen ruhig gestellt
Ja, dass ist die Realität – bestätigt durch die Kommentare zahlreicher Leser, 24.07.2015.  Bereits in 2009 hat  ZEIT-Online in diesem lesenswerten Beitrag Ruhe auf Rezept, gegen die Praxis systematischer Ruhigstellung mit Neuroleptika angeschrieben.  Häufige Begleiterscheinung von Demenz sind Angst und Unruhezustände. Diese können bisweilen extreme Formen annehmen, so dass sich Angehörige, Pflegekräfte und Ärzte nicht anders zu helfen wissen, als zu einem bewährten Medikament zu greifen. Verblüfft, von der meist sofortigen Wirkung, bleibt es in der Regel bei dieser Behandlungsform. Die schädigenden Auswirkungen bei einer Dauermedikation mit dieser Form der Verhaltensanpassung des Patienten an sein Umfeld, werden dabei billigend in Kauf genommen.

SWR:  Demenz: Pillen statt Pflege
Dieser SWR-Beitrag von 2012, hat bis heute leider nichts an Aktualität verloren.   Es gibt nur wenige Pfleger wie Robert Gruber, der sich deshalb selbstständig gemacht hat, weil er die Ruhigstellungspraxis nicht länger mitmachen wollte.  Gruber setzt sich mit den Pflege Aktivisten auf Facebook für ein anderes Verständnis ein.

WELT: Wenn Pillen die Pflege ersetzen
In diesem sehr informativen Beitrag beleuchtet Annette Dowideit die Ursachen und Auswirkungen der „chemischen Gewalt“ gegenüber altersverwirrten Menschen, wie sie täglich hundertausendfach praktiziert wird.

FAZ : Vergesslichkeit durch Beruhigungspillen
In diesem Beitrag stellt die FAZ am 09. September 2014, das Ergebnis einer Studie  vor, die bestimmte Medikamente als Demenzverursachend herausstellt. Menschen die über längere Zeit  Beruhigungsmittel der Gruppe  Benzodiazepine  (Valium, Tavor, Adumpran etc.) einnahmen, entwickelten zu 50% häufiger eine Demenz. Auch diese Feststellung  wurde weder von den Ärzteverbänden noch von den Kassen noch von der Politik aufgegriffen. Nach wie vor werden diese Mittel tonnenweise verordnet.  Möglicherweise könnte man das Demenzrisiko halbieren, wenn solche Mittel als Demenzgefährdend eingestuft würden, und ihre Verordnung nur im aktuten Falle kurzzeitig erlaubt würde.  Das würde auch viele  jüngere  Menschen vor Medikamenten-Sucht bewahren.  Wie wir wissen,  ist der Entzug bei Benzodiazepan- Abhängigkeit noch schwieriger als bei anderen Drogen.  Alternativen werden von den Kassen nur bei entsprechender Antragsstellung durch den Arzt übernommen und bei jüngeren Patienten.  Siehe auch auf therapie.de: Medikamentenmissbrauch  im Alter

FAZ: Wenn Psychopillen das Gehirn schrumpfen lassen
„Mittel gegen Schizophrenie haben offenbar schwerere Nebenwirkungen als lange angenommen. In einem Fachartikel äußern Psychiater nun ihre Besorgnis. Wann tragen die Leitlinien den Risiken Rechnung?“ Bei diesen Mitteln handelt es sich um die gleichen Neuroleptika die Demenzkranken verabreicht werden, obwohl sie für diese nicht zugelassen sind.  Gesetzlich sind Ärzte verpflichtet, bei der Verordnung „nicht bestimmungsgemäßer Mittel, sog. Off-Label Medikamenten, eine schriftlich Erlaubnis vom Patienten oder dessen rechtlichem Vertreter, einzuholen.  Diese Verpflichtung kann jedoch leicht umgangen werden, indem Ärzte bestimmte Demenzsyptome als Wahnvorstellungen deklinieren. Es prüft ja ohnehin keine. Verwirrten alten Menschen werden häufig alle möglichen psychotische Diagnosen unterstellt, ohne jede Untersucher – einfach nur, weil es keiner prüft und der Betreffende sich nicht dagegen wehren kann.

SZ  Juli 2014: Spaziergang statt Pillen    „Jeder zweite Bewohner von Münchner Alten- und Pflegeheimen wird mit Medikamenten ruhiggestellt. Das Münchner Amtsgericht vergleicht das mit Freiheitsentzug. Es will den Einsatz von Psychopharmaka in Seniorenheimen eindämmen – und dafür vor allem die Betreuer aufrütteln.“  Jetzt haben Dez.2018 und immer noch wird die massenhafte Ruhigstellung hingenommen, vor allem von Berufsbetreuern.  Diese wollen schließlich auch ihre Ruhe haben.

pflege-prisma.de:  Deutschland setzt auf Psychopharmaka statt Zuwendung
AOK  Report 2017: 
Erneut bestätigt eine Studie den leichtfertigen Einsatz von Psychodrogen, insbesondere Neuroleptika in Pflegeheimen.  Wie in der Vergangenheit blieb auch diese Feststellung ohne jede Reaktion. Sowohl die Ärztekammer als auch die AOK  haben auf unsere schriftliche Anfrage nach den Konsequenzen geschwiegen.  Wieder eine von ungezählten Studien,  die eine Geldverschwendung darstellen, weil nichts daraus gemacht wird.  Die  „Gesundheitskasse“ AOK unternimmt nichts  zum Schutz ihrer Versicherteren vor den Schäden falscher Behandlungen. Im Gegenteil,  Krankenkassen  zahlen schädigende Medikamente ebenso wie nutzende.  Hier sehen wir einen dringenden Handlungsbedarf der Gesundheitspolitik, indem   Krankenkassen gehalten werden, Behandlungskosten nur dann zu übernehmen, wenn unter der Behandlung keine Schädigung eingetreten ist.  Lesen Sie, was diese Medikamente anrichten und warum die Pflegeethik Initiative den Gesetzgeber auffordert,  Neuroleptika in den Giftschrank zu sperren.

Ebenso bedenkenlos, wie wehrlose alte Menschen medikamentös gefügig gemacht werden, wird die Diagnose Demenz häufig gestellt. Dabei kann Verwirrtheit auch erklärbare andere Ursachen haben, wie z.B. Angst vor bestimmten Situationen oder Erinnerungen an schlimme Erlebnisse die plötzlich wieder aufbrechen (Retraumatisierung). Auch kann die aktuelle Lebenssituation, Vereinsamung, Enttäuschungen, das Gefühl unverstanden zu sein u.ä. einen so starken seelischen Stress verursachen, dass die Dinge des täglichen Lebens aus dem Blick bzw. durcheinander geraten. Nicht selten sind es jedoch Medikamente die Demenzsymptome erzeugen. Studien belegen einen viel zu hohen sowie oft auch unkontrollierten Medikamentenkonsum, gerade bei älteren Menschen. Vor allem stehen die Neuroleptika in der Kritik, denn sie verkürzen nicht nur die Lebenszeit,  sie berauben den Menschen der Fähigkeit Freude und Leid zu empfinden. Sie blockieren jede emotionale Regung. Auf Dauer eingenommen erzeugen insbesondere Neuroleptika, „Menschen die nicht mehr sie selbst sind“. Es ist weniger die Demenz an sich, an der die Betroffenen, Angehörige, Pflegekräfte und Gesellschaft leiden, das Leidvolle daran sind vor allem die medikamentös hervor gerufenen Wesensveränderungen, ist der Anblick von Menschen, mit maskenhaftem, entstellten Gesichtszügen, Augen die ins Leere blicken, einem offenem Mund aus dem ständig Speichel läuft, die kraftlos und willenlos alles über sich ergehen lassen.

Walter Mette  hat diese  Chronik heimlicher Sedierung seiner Frau beschrieben und gegen Ärzte sowie das Heim Strafanzeige erstattet. In ähnlicher Weise dürfte das in den allermeisten Heimen ablaufen. Darum raten wir Angehörigen, Veränderungen zu beobachten und sofort zu reagieren. Rechtsverstöße dieser Art passieren vor allem deshalb, weil viel zu selten Anstoß genommen wird.  Dabei hat der Gesetzgeber die Rechte von Patienten in 2013 nochmals gestärkt.

Hier ein gut dokumentiertes Beispiel für die stümperhafte, teure und schädliche Medizin, für die Hilfloskeit von Ärzten und Einrichtungen, die nichts anderes kennen, als verzweifelte Menschen medikamentös niederzuknüppeln.

Nach 8 Wochen Klinikaufenthalt und Behandlung mit Neuroleptika  konnte Herr O kaum noch ohne Hilfe einen Schritt vor den anderen setzen.  Da seine Frau diesen Zustand, der eindeutig auf die Medikation zurückzuführen war, nicht akzeptieren konnte,  suchte sie einen Arzt der bereit war, diese Medikamente auszuschleichen.  >Teure Fehlbehandlung 

In einem aufsehenerregenden Referat „Wenn Medizin und Pflege den Kranken kränker macht und wie man das verhindern könnte“, habe ich 2004 Zusammenhänge aufgezeigt, die Richtungsweisend für Reformen im Gesundheits- und Pflegewesen sein müssten.

Auf der Seite www.demenzrisiko.de  finden Sie weitere Argumente gegen die gängige Medizin, durch die alles nur noch viel schlimmer wird.